Der Ruf des Unglückshähers | Fotoparade 2020

Dieses Jahr war in jeder Hinsicht einzigartig. Die gesamte Welt stand still und zeigte sich maskiert, während wir in unserer schwedischen Heimat so sicher waren wie an keinem anderen Ort. Dass es hier oben die meiste Zeit des Jahres kalt ist, gehört für mich mittlerweile zur Normalität genauso wie die endlose Weite der Wälder, die einem an manchen Tagen monochrom erscheint. Doch trotz aller Umstände war dieses Jahr für mich so abgedreht wie nie.

Maskiert

Als Bloggerin stelle ich mir häufiger die Frage, wie tief die Einblicke gehen sollen, die ich meinen Lesern bieten möchte. Das Schreiben ist für mich nicht nur ein Spiel mit den Worten. Es stellt zugleich eine Ausdrucksmöglichkeit dar, der ich mich verbal nicht einmal ansatzweise nähern könnte. Diese Möglichkeit sehe ich oft als Gefahr, ist sie doch ein großer Angriffspunkt meiner Persönlichkeit. Doch meine Liebe zum Schreiben ist in meiner Zeit in Nordschweden zu einer Leidenschaft herangewachsen, die ich gleichzeitig zum Beruf machen konnte. Es ist eine Art des Aufarbeitens, denn viele Dinge erscheinen mir auf diese Weise plötzlich in völliger Klarheit. Während ich mich im öffentlichen Leben gerne maskiert zeige, öffne ich mich in der Kunst immer mehr und gebe meine innersten Gefühle zum Ausdruck. Das Schreiben ist für mich das Ventil zum Ablassen meiner gesamten kreativen Energie, die mir mein Leben in Schweden jeden Tag neu schenkt. An keinem anderen Ort konnte ich eine derartige Kraft verspüren.

Heimat

Seit zwei Jahren ist diese einsame Farm in den endlosen Wäldern Västerbottens nun mein Zuhause. Doch ich kann es nicht Heimat nennen, denn mein Herz scheint nicht angekommen zu sein. In 24 Monaten Einsamkeit haben wir viel über das Leben, Selbstversorgung und die schwedischen Eigenheiten gelernt. In tiefen Gesprächen offenbarte sich, wonach der Geist tatsächlich verlangt und wie das Gehirn funktioniert. Fehlt der soziale Austausch, beginnen die eigenen Gedanken zunehmend lauter zu werden. An diesem Punkt angelangt, ist das Dilemma bereits in vollem Gang. Negativität macht sich im Kopf breit und die lang anhaltende Dunkelheit stimmt sich ein in Melancholie, Depression und Resignation wie das f in den d-Moll-Dreiklang. Letztlich führte uns die Komplexität des sozialen Lebens genau in diese Einsamkeit und nun müssen wir mit Ernüchterung feststellen, dass der Mensch als Sozialwesen nicht alleine überleben kann. Persönliches Glück und Gesundheit erfordern mehr als Nahrung und Wärme. Freunde und Familie sind die Zähne des Schlüssels, der in das Schloss zum erfüllten Leben passt.

Kalt

Als ich völlig unerwartet ein Jobangebot aus Abisko bekam, schlug mein Herz plötzlich höher. Es war meine einzige Chance, den zwanghaften Gedanken der Einsamkeit zu entfliehen und so nahm ich das Angebot am schönsten Arbeitsplatz der Welt an. Ich erinnere mich an den heftigen Zwiespalt, der sich am Tag meiner Abreise breit machte. Der Frühling stand in der Startposition. Langsam aber sicher schmolzen die Schneeberge dahin und gaben den Blick frei auf die abgestorbene Vegetation. Die ersten Vögel verkündeten ihre Ankunft im Norden mit melodiösen Gesängen und ich wusste, dass ich mit den 500 Kilometern direkt in den Winter fahren würde. Es ist ein hinterlistiger Zustand, in dem das Gehirn festzuhängen scheint. Die Bewusstheit dessen, dass ein neuer Job das gesamte Leben verändern kann, scheint dem Oberstübchen mehr Angst als Freude zu bereiten. Es ist für die grauen Zellen einfacher, sich am aktuellen bekannten Zustand festzuhalten, auch wenn diese Situation offensichtlich nicht zum persönlichen Glück führt. Die Abfahrt war mit einer großen Überwindung verbunden. Bereut habe ich den Tausch von Frühling gegen winterliche Kälte und einen viel zu kurzen Sommer in keinem Augenblick.

Weite

Ich scheine an meinem Traumort angekommen zu sein. Das feste monatliche Einkommen auf meinem Konto schenkt mir eine wohltuende Sicherheit, die ich in meiner Selbstständigkeit selten verspüre. Viel wichtiger als das Geld war jedoch die unendliche Persönlichkeitsentfaltung, die ich ausschöpfen durfte. Meine Wochen wurden mit unzähligen Feldtagen inmitten einer endlosen Gebirgswelt gefüllt, in denen ich mich mit dem Erforschen der alpinen Pflanzenwelt einer meiner weiteren Leidenschaften widmen konnte. In jeder freien Minute zog es mich nach draußen, denn ich wollte jeden Moment in vollen Zügen genießen. So verbrachte ich Tage, Nächte und ganze Wochenenden mit Zelt, Kochausrüstung und Kamera in den Weiten der Berge. Während ich nachts in einer Schutzhütte unter dem grün leuchtenden Nordlichthimmel saß, bei Temperaturen von kapp über Null am nördlichsten Nationalpark Schwedens im Zelt lag oder morgens um vier ein Frühstück in den Bergen bei aufsteigendem Dämmerungsnebel genoss wurde mir klar, dass in mir der Wunsch nach kompromissloser Selbstbestimmtheit immer größere Ausmaße annahm.

Monochrom

Mittlerweile sind die Erinnerungen an meinen körperlich und geistig aktiven Sommer schleierhaft und gleichen einem monochromen Schwarzweißfilm. Zurück in der Einsamkeit der endlosen Wälder stellt sich mir die Frage, wie es weiter gehen soll. Mein jüngster Besuch in Deutschland machte den Kontrast zwischen zwei völlig unterschiedlichen Welten deutlich. Ich sehe das Leben in meiner alten Heimat als unspektakuläres Zeitverstreichen, das von immer wiederkehrenden Routinen des Alltags geprägt ist. Nirgends scheint sich eine geistige Herausforderung zu bieten. Als ich im November auf der alten Farm in Västerbotten ankam, war ich alleine und auf mich selbst gestellt. Ein geplanter Stromausfall zwang mich dazu, meine Schreibtätigkeit ruhen zu lassen. Stattdessen unternahm ich einen Ausflug zum nahegelegenen Granberg. Stille machte sich in den Wäldern breit, in denen kaum noch ein Vogel flatterte. Die Ruhe wurde von einem melodiösen Zetern unterbrochen. Schnell stieß ich auf den Verursacher dieser unerwarteten Geräusche. Ein Unglückshäher stellte hoch oben auf einer Tannenspitze sein Können unter Beweis. Mein Herz begann zu tanzen und meine Mundwinkel zogen sich spürbar nach oben. Da war sie wieder, diese Energie, die mich zum Leben erweckt und ich weiß mehr denn je: hier will ich sein.

Abgedreht

Oft scheinen sich Wege auf willkürliche Weise zu kreuzen und erst im Nachhinein verdeutlicht sich der Sinn dahinter. Wären wir uns nicht vor neun Jahren begegnet, würde ich wahrscheinlich nicht inmitten einer verschneiten Waldlandschaft in Nordschweden wohnen und diese Worte schreiben. Doch manchmal trennen sich die Wege wieder, denn ein jeder weiß von Tag zu Tag mehr, wonach sein Herz strebt. Jeder hat sein eigenes Glücksrezept. Für mich besteht dieses in einem völlig abgedrehten und unvorhersehbaren Leben mit all seinen Höhen und Tiefen, in welchem ich mich niemandem unterordnen und keine Rücksicht nehmen muss. Mein Leben wird mich noch in diesem Jahr an einen anderen Ort führen und ich kann es kaum erwarten, in meinem eigenen Haus zu leben. Ich lasse mich weiter treiben auf dem Fluss des Lebens und gebe meinem Gehirn keine Chance, in einer alten Welt festzuhängen.

Fotoparade 2020

Nach meiner ersten Fotoparade 2018 bin ich auch in diesem Jahr dem Aufruf von Michael gefolgt, der auf seinem Blog Erkunde die Welt die alljährlich stattfindende Jahresrückblicks-Fotoparade betreut. Gesucht wurden dieses Mal Fotos zu den sechs Kategorien #maskiert, #Heimat, #kalt, #Weite, #monochrom und #abgedreht.

3 Kommentare zu „Der Ruf des Unglückshähers | Fotoparade 2020

  1. Hallo Christine,
    vielen Dank, dass ich an Deinem Leben und Deinen Gedanken teilhaben darf. Es ist eine Freude, diesen Beitrag zu lesen. Mach weiter so! Und Deine Bilder von der endlosen Weite sind wunderschön! Mein Lieblingsbild ist die Heimat mit schwerem Herzen.
    Liebe Grüße, Beate

  2. Vielen lieben Dank für den neuen Beitrag, sehr berührt hat mich folgender Satz: „Letztlich führte uns die Komplexität des sozialen Lebens genau in diese Einsamkeit und nun müssen wir mit Ernüchterung feststellen, dass der Mensch als Sozialwesen nicht alleine überleben kann. Persönliches Glück und Gesundheit erfordern mehr als Nahrung und Wärme. Freunde und Familie sind die Zähne des Schlüssels, der in das Schloss zum erfüllten Leben passt.“… Wie wahr, wie wahr. Dieser aktuelle Post war genau das richtige, zum richtigen Moment mit den richtigen Worten und wahren Eindrücken und Gefühlen. Darüber sinniere ich jetzt gern noch weiter nach. In dem aktuellen Post steckt so viel Wahrheit, Erkenntnis und Hoffnung. Danke, ein starker Beitrag, der mich aufbaut! CHAPEAU!

    1. Vielen Dank für deinen Kommentar 🙂 Ich freue mich sehr, wenn ich mit meinen Worten andere Menschen berühren und aufbauen kann!

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