Über die merkwürdige schwedische Lebenseinstellung

Warum machen diese Schweden so viele Dinge, die in den Augen eines deutschen Ordnungsfanatikers unsinnig erscheinen? Die schwedischen Bauweisen hängen mit einer besonderen Lebenseinstellung zusammen, die hier so weit verbreitet ist.

Der schwedische Begriff lagom ist nicht nur ein Wort. Es ist eine Lebenseinstellung, deren Bedeutung die Inhalte zahlreicher Blogs füllt. Nun reihe ich mich ein in dieses Verzeichnis und schreibe eine weitere Interpretation derselbigen. Warum tue ich das? Nun, ich sitze gerade auf meiner Couch, genieße den warmen Luftstrom der Wärmepumpe und blicke durch meine Fensterfront in den rosa leuchtenden Abendhimmel. Ich gebe zu, das war keine ausreichende Begründung für die Frage nach dem Sinn und Zwecks dieses Artikels.

Gehen wir noch etwas ins Detail. Ich blicke also aus der Fensterfront meines Hauses und nehme im Augenwinkel die Überreste von Malertape an der Außenseite des Fensterglases wahr. Ein seltsames Detail, dessen Anblick mir die Ereignisse der letzten drei Wochen zurück ins Gedächtnis ruft. Ein schwedisches Haus zu erkunden, was ich nun zum zweiten Mal erleben durfte, ist jedes Mal ein Abenteuer mit vielen Fragezeichen und jede Menge Kopfschütteln. Ich erinnere mich an die Luftwärmepumpe, die ihren Strom aus einer Steckdose bezieht, deren Kabel wiederum an eine dreiphasige Sicherung laufen. Mir schwirrt die Wasserversorgung im Kopf herum, dessen Drucktankschalter nach pauschalen Werten eingestellt wurde, weswegen die Wasserpumpe im Dauerbetrieb ihre Arbeit verrichtet. Und ich denke an das Wasser, welches diese Häuser aus eigenen Brunnen beziehen.

Mein Nachbar zeigte mir vor kurzem sein Anwesen und als ich ihn nach der Wasserqualität befragte, berichtete er stolz von seiner übertrieben teuren Wasserfilteranlage, die Wasser in Spitzenqualität erzeugt. Dagegen erscheinen meine zwei Filterpatronen, die nach wenigen Wochen braun wie Erde sind, ziemlich lächerlich. Leider hatte er keine Antwort auf meine Frage nach der Ursache für das eisenhaltige Wasser, wofür es meiner Meinung nach keine unzähligen Möglichkeiten gibt. Er habe eine Wasserprobe ins Labor geschickt und daraufhin nicht nur Werte sondern auch eine Empfehlung für eine Filteranlage bekommen, Montage im Preis von knapp 5.000 Euro inbegriffen.

Schon beim ersten Schluck meines Wassers kam mir in den Sinn, dass ich die Ursache an der im Brunnen verborgenen Pumpe suchen muss. Voraussetzung hierfür ist, diesen besagten Brunnen im schneebedeckten Garten zu finden. Das war mit Hilfe meines Nachbarn glücklicherweise keine Herausforderung. Unter einem Eimer befand sich ein schwarzes Rohr, in dessen Breite nicht mehr als ein Arm Platz fand. Mehrere Kabel kamen aus der Erde und zogen sich hinunter in das schwarze Loch. Als ich mit meinem Nachbarn diesen merkwürdigen Brunnen anstarrte, wurde mir klar: über einen Pumpenaustausch brauche ich mir wohl in den nächsten Jahren keine Gedanken zu machen. Stattdessen ziehe ich einen Ausbau meiner bestehenden Filteranlage in Erwägung.

Wenn ich über diese Ereignisse nachdenke, merke ich, wie mich das typisch schwedische Lebensgefühl zunehmend einnimmt. Die Dinge ruhig und gelassen angehen, nicht zu überschwänglich planen und nach einfachen Lösungen suchen. Nicht versuchen, die Ursachen zu bekämpfen (was wirklich einer Kunst gleicht) und sich stattdessen auf die Symptome konzentrieren. Denn obwohl diese Lösungen auf lange Sicht nicht die billigsten Alternativen sind, so nehmen sie einem den Stress. Sie lassen sich schneller umsetzen und machen das Leben besser. Immer mehr verstehe ich die Gedankengänge, die hinter der schwedischen Einfachbauweise liegen: warum Dinge ändern oder unnötig verkomplizieren, wenn die naheliegendsten Varianten funktionieren?

Die Wasserpumpe im Dauerbetrieb stellt ja kein Problem dar, denn immerhin funktioniert sie. Eine einfache Steckdose dreiphasig abzusichern ist ebenfalls nicht der Rede wert. Es gibt noch genügend freie Sicherungen. Auch das Klebeband an den Außenseiten der Fenster spielt keine große Rolle. Der Verursacher hat es eben lagom genommen und sich nach den Malerarbeiten nicht weiter darum gekümmert. Warum auch?

Ich könnte ein Buch mit kulturellen Ungleichheiten, Katastrophen und Merkwürdigkeiten des schwedischen Lebens füllen. Aber irgendwie werden diese Herausforderungen des alltäglichen Lebens, aus der ich mittlerweile eine Story-Reihe auf meinem beitragsreichen Instagramkanal kreiert habe, immer bedeutungsloser für mich. Sie gehören zum Leben im kalten Norrland dazu, in denen andere Sachen wichtiger sind. Doch eine Einstellung werde ich wohl niemals los. Wenn die Optik nicht stimmt, leidet mein Wohlbefinden. Dann hilft mir auch keine „lagome“ Lebenseinstellung weiter und so muss ich mich schnellstmöglich um die hässlichen Tapereste an den Fenstern kümmern, sobald es die Außentemperaturen zulassen.

Was es nächstes Mal zu lesen gibt: Schwedische Romantik – eine Illusion?

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