Schwedische Romantik – eine Illusion?

Wie oft habe ich träumerisch, verliebt und bewundernd die Geschichten anderer Auswanderer verfolgt, die ihren Traum eines schwedischen Lebens verwirklicht haben. Eine jede Geschichte klingt mit all ihren Höhen und trotz einiger Tiefen wie eine romantische Lebenserfüllung. All diese Menschen scheinen das gefunden zu haben, wonach sie so lange gesucht haben.

Als sich mir plötzlich die Gelegenheit des Auswanderns präsentierte, zögerte ich keine Minute und ließ mein Leben in Deutschland hinter mir. Mit einem Schlag begann meine Romanze, die ich mir allerdings aufgrund anderer inspirierender Lebensgeschichten vollkommen anders ausgemalt habe. Was zwischen den Zeilen passiert, tritt in den Abenteuergeschichten oftmals nicht zum Vorschein.

Winter 18/19

Ich erinnere mich an unzählige Einkaufstouren im Winter und muss mir eingestehen, dass ich als deutsches Dorfkind keine Ahnung vom Leben in dieser wilden Einsamkeit hatte. Eine einfach Fahrt zum Einkaufen entwickelte sich trotz guter Vorbereitungen in den meisten Fällen zu einer Herausforderung. Schon am Morgen sorgte ein Blick aus dem Fenster für Entmutigung. Neuschnee. Schon wieder. Die nächsten zwei Stunden füllten sich also mit kraftraubenden Schneebeseitigungsmaßnahmen. Völlig durchgeschwitzt aber in Anbetracht der geschafften Arbeit ein klein wenig glücklicher folgte der erste Motorstartversuch. Das gelang mal mehr und mal weniger gut und war bei Temperaturen unter -20 Grad schier unmöglich. Improvisationstalent war gefragt, wenn die auf deutsche Klimabedingungen angepassten Fahrzeuge auf Touren gebracht werden mussten. Mit Heizlüftern und Verlängerungskabeln gelang es schließlich, das Motoröl in einen wohltemperierten Zustand zu bringen. Nach drei arbeitsreichen Stunden stand die Abfahrt kurz bevor, wäre da nicht die Sache mit dem Eis. Hof und Straße gleichen im Winter einer spiegelglatten Eislaufbahn. In 99 Prozent aller Fälle scheitert ein erster Anfahrversuch, sodass erneut das Improvisationstalent vor eine Herausforderung gestellt wird. Das ernüchternde Ergebnis nach unzähligen Versuchen mit Fußmatten, Steinen und Brettern war die Einsicht, dass kein Weg um das Anlegen von Schneeketten vorbeiführte. Mittlerweile völlig erledigt startete nach vier Stunden um zwei Uhr mittags mit Einbruch der Dämmerung die Fahrt in die nächste Stadt. Am Ende eines solchen Tages überwog die Erleichterung, unfallfrei und erfolgreich den Tag überstanden zu haben. Wie oft überkamen mich in solchen Situationen Zweifel, dass diese Schwedenromantik tatsächlich existiert.

Winter 20/21

Mein dritter Winter im Land der frostigen Temperaturen. Mein erster Winter in meinem eigenen Haus in Jämtland. Noch immer stehe ich in einem regelmäßigen Kampf mit dem Winter. Sei es bei Einkaufstouren oder in Bezug auf das Heizen. Mensch gegen Natur. Es scheint, als ob der Mensch versucht, diese Welt mit aller Kraft zu besiedeln. Doch irgendwie lässt er mich nicht mehr los, dieser Drang es zu schaffen, mir ein unabhängiges und unkonventionelles Leben aufzubauen. Ich genieße diesen klirrend kalten Sonntag bei -24 Grad mit dem besten Nachbarn der Welt auf einem Berg mit märchenhafter Aussicht. Ich atme die durch Eiskristalle glitzernde Luft ein und beobachte, wie sich die ausgeatmete Luft schließlich in Form einer feinen Eisschicht über meine Haare legt. Ich spüre die Kälte auf meiner Haut, doch sie kann nicht tiefer in den Körper eindringen. Tief im Herzen lodert eine unbändige Flamme, die eine unbeschreibliche Wärme ausstrahlt und nichts scheint dieses Feuer löschen zu können. Da ist sie, diese schwedische Romantik, die ich in den letzten zwei Jahren vergeblich suchte. Zugegebenermaßen war es ein riesengroßer Zufall und eine noch größere Portion Glück, dass ich diesen Ort gefunden habe. Doch mein Unterbewusstsein scheint es gewusst zu haben, denn ich habe mich trotz einiger Fragezeichen für dieses Haus entschieden. Gekauft habe ich mir einen Ort zum Wohnen und Gestalten. Bekommen habe ich ein soziales Umfeld, indem Positivität, Zusammenhalt und bedingungslose Nächstenliebe die wichtigsten Werte des Lebens darstellen. Ich bereue nichts von all dem was hinter mir liegt, obwohl mir bis heute ermüdende Wintereinkaufstouren alle Kräfte abverlangen.

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