Liebe ist (k)eine Kugel

Es ist ein trüber Sonntag, der trotz seiner Tristheit eine besondere Magie verströmt. Zornige Spechte, die mit voller Inbrunst von sich selbst überzeugen, haben mich aus meinem Schönheitsschlaf geholt. Ich liebe ihre monotonen Trillergeräusche in Kombination mit dem Klopfen auf morsches Holz. Solche Momente erinnern mich daran, dass der Frühling mit großen Schritten naht. Doch ganz so magisch und romantisch ist es eigentlich nicht, denn es geht diesen hübschen Vögelchen ja doch nur um das Eine…

Die Vollkommenheit

Die bekannte Theorie Platons über die Kugelmenschen, die nach ihrer Teilung vom unerträglichen Verlangen nach der Vereinigung mit ihrer fehlenden Hälfte geplagt waren, ist wohl die älteste Beschreibung der Suche nach dem Seelenpartner. Dieser einen Person wird die Eigenschaft zugeschrieben, dass nur ihr passendes Gegenstück diese vervollständigen und heilen kann. Dieser Kugelmenschmythos beschreibt den Zustand, dem wahrscheinlich so viele Frauen verfallen sind. Die Suche nach dem Seelenverwandten prägt Alltag und Leben. Immer wieder flammt dieser kleine Hoffnungsschimmer auf, wenn die neue Bekanntschaft die richtigen Worte findet und plötzlich alles richtig macht. Doch am Ende fliegt die Hoffnung als verbrannter Staubpartikel davon und erneut machen wir die frustrierende Erkenntnis, dass die vermeintlich große Liebe doch wieder nur ein Griff ins Klo war.

Es ist tief in uns verankert, den einen Gegenpart zu finden, der das eigene Leben komplettiert. Gemeinsam an einem Strang ziehen, durch Dick und Dünn gehen, die Sätze gegenseitig zu beenden, sich wortlos verstehen – die Liste in dieser romantischen Gedankenwelt ist lang und ich kenne sie nur zu gut. Auf die Frage, was mir in einer Beziehung wichtig ist, kam mir lange und wahrscheinlich viel zu lange nur diese eine Antwort in den Sinn: das Gegenstück zu meiner Seele finden.

Die Suche

War meine unterbewusste Suche nach dem Seelenpartner der Grund, den mein rastloses Herz zu ständigen Ausbrüchen veranlasste? In den letzten 14 Jahren prägten unzählige Umzüge mein Leben. Aus meinem Heimatdorf ging es in die große weite und aufregende Welt nach Greifswald. Es war eine feuchtfröhliche und unbeschwerte Zeit, in der ich noch nicht richtig erwachsen werden und noch weniger abhängig sein wollte. Eine Zeit, die ich nicht missen möchte und doch begann hier die innerliche Unruhe, angetrieben vom Streben nach etwas, das mein Leben erfüllt. Wer mich kennt, der weiß, dass ich jede Gelegenheit der potentiellen Selbstverwirklichung am Schopfe packe. Trotz meiner Zweifel und Ängste gehe ich mein Leben lang andere Wege, meine Wege. So auch im Anschluss an meine Greifswalder Zeit. Trotz Beziehung zog ich in den Schwarzwald und probierte mich in dem Job aus, der für mich die Erfüllung darstellte. Die Arbeit als Botanikerin in einem bekannten Automobilhersteller mit dem Stern gab mir das Gefühl, sinnvoll zu sein. Und doch war da diese aus heutiger Sicht absurde Gefangenschaft in einer Fernbeziehung, die zweckmäßig funktionierte und welche meine innere Unruhe zum Brodeln brachte.

An eine Rückkehr in den hohen Norden war auch nach dieser Zeit nicht zu denken. Ganz im Gegenteil, ich suchte weiterhin nach dem Unbekannten, was mir mein persönliches Glück versprach. So machte ich Station in Hilpoltstein, bis ich in mein Wohnmobil einzog, um erneut in Freising ein Studium zu beginnen. Doch das Schicksal hatte andere Pläne für mich und als ich die Gelegenheit einer Auswanderung nach Schweden bekam, musste man mich nicht zwei Mal fragen. Wie es typisch für mich ist, packte ich auch diese Gelegenheit beim Schopf – und zog mit. Vom Ende der Rastlosigkeit war allerdings auch hier keine Spur. Ganz im Gegenteil, denn schon nach zwei Wochen an meinem neuen Heimatort ging es für mich weitere 500 Kilometer in den Norden nach Abisko, wo ich die nächsten drei Monate verbrachte. Nur zwei Jahre später kam ich zurück, um die gesamte Saison an diesem wunderbaren Ort zu arbeiten. Nach diesem Sommer war nichts mehr wie vorher.

Der Fund

Gerade sitze ich an meinem neu gestalteten Essbereich, blicke durch die Fensterfront in den schneebedeckten Garten und reflektiere all diese Ereignisse. Mein letzter Umzug fand vor einigen Monaten statt. Es war der Schlussstrich eines Kapitels, welches sich scheinbar zu lange ausdehnte. Doch ich blicke weder mit Reue noch Wehmut auf diesen Lebensabschnitt zurück, denn er lieferte mir wichtige Erkenntnisse, die mir jeden Tag bewusster werden. Während ich meinen Kaffee genieße, denke ich an meinen liebgewonnenen Nachbarn. Wie oft haben wir in dieser kurzen Zeit gemeinsam in meinem Einzugschaos gesessen, um uns bei einem guten Kaffee vom Alltagsstress zu erholen. Wie anregend waren diese Abende, an denen wir teuren Importwein tranken und unseren philosophischen Gedanken bei uralten Roadtrip-Klassikern freien Lauf ließen. Und wie häufig haben wir festgestellt, dass unsere Gedankengänge auf einer Frequenz treiben, wir uns verstehen, auch wenn wir nicht die richtigen Worte finden und wir uns einfach fallen lassen können. Eines Tages sagte er zu mir: „Christine – you are really my soulmate“

Die Erkenntnis

Ja richtig. Dieser Mensch, 59 Jahre alt, unverheiratet und kinderlos ist ein Subjekt, zu dem ich eine Seelenverwandtschaft spüre. Ich bezeichne diese Beziehung als platonische Freundschaft in der heutigen Begriffsverwendung, die auf einer seelischen Ebene und vollkommen ohne körperliche Anziehungskraft funktioniert. Unsere gedankenschwangeren Seelen formen gemeinsam eine vollkommene Kugel. Während ich über diese Bekanntschaft nachdenke, wird mir etwas klar. Es ist nicht der eine Seelenpartner, den ich vergebens suchte und der mein (Liebes)Leben vervollständigen muss. Es gleicht gar einer romantischen Vorstellung, in diesem Fall von einem Partner zu sprechen. Viel besser gefällt mir der Begriff Seelenfreund. Denn von diesen Exemplaren gibt es weder den einen noch sind sie an ein bestimmtes Geschlecht gebunden. Solche Menschen sind nicht dazu da, mein Leben zu komplettieren, sondern sie bereichern es und zeigen mir die Wichtigkeit im menschlichen Sein.

Und was ist mit der Liebe? Ich erkenne zunehmend, dass sie etwas viel Größeres ist und niemals die Gestalt einer Platonkugel annehmen wird. Sie findet auf so vielen verschiedenen Ebenen statt, die ein Seelenfreund niemals einzunehmen vermag, und sie ist geprägt durch Ecken und Kanten. Logischerweise entsteht Liebe durch Anziehungskraft, die sich anfangs stark auf das körperliche Niveau fokussiert und sich zunehmend auf sämtliche Facetten des Gegenübers ausdehnt. Sie lebt von Begierde nach dem Körper und festigt sich in geistigen Auseinandersetzungen. Physische und psychische Nacktheit. Fehlt einer dieser Ebenen, oder nimmt eine davon weniger als 100 Prozent ein, führt eine Beziehung unweigerlich zur Frustration. Dieses unbeschreibliche Gefühl nimmt den einen Lebenspartner mit voller Intensität ein. Ich sehe Liebe mittlerweile als Privileg an, denn dieser Eine darf sämtliche Höhen und noch mehr die Tiefpunkte erleben. Bewusst nutze ich den Ausdruck einer Erlaubnis, denn Liebe sollte niemals als Selbstverständlichkeit angesehen werden. Sie ist ein fortwährendes Geben und Nehmen. Ein wenig Romantik macht sich in meiner Gedankenwelt dennoch breit, denn ich verstehe eine Beziehung als ein aufregendes Abenteuer mit Höhenflügen und Abstürzen und dem sicheren Wissen, im freien Fall aufgefangen zu werden.

Doch was bei aller Zuneigung niemals in Vergessenheit geraten darf, ist das Selbst. Die Liebe ist keine Vervollständigung der eigenen Seele. Derjenige, der den Partner zum Glücklichsein sucht, wird enttäuscht werden. Kein Mensch dieser Welt kann mir mein persönliches Glück bescheren. Ich habe es selbst in der Hand und die Liebe ist vielmehr der Ausdruck eines bereits vollständigen Lebens, an dem ein anderer Mensch teilhaben darf. Liebesbeziehungen sind nicht dazu da, glücklich zu werden, sondern das eigene Glück zu teilen. Glücklich ist der, der mit sich selbst im Reinen ist und nur wer sich selbst liebt, kann lieben.

Ich blicke aus dem Fenster, schmunzele über die triebgesteuerten Vögelchen und mein Herz ist voller Liebe zu mir selbst. Würde ich all diese Erkenntnisse haben, wenn ich in diesem Moment nicht hier sitzen würde? Mit hoher Wahrscheinlichkeit wäre ich gefangen in meiner eigenen Gedankenwelt. Ich sehe meinen letzten Umzug als beängstigend bewusstseinserweiternd und unglaublich erfüllend. Und so schließe ich mit den tiefsinnigen Worten meines Nachbarn, welche die Intensität meiner aktuellen Selbstliebe zu beschreiben versuchen: dieser magische Ort verlässt mich nicht – ich werde ihn verlassen und zwar nur einmal, wenn die Zeit dazu gekommen ist.

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