Wenn Flüsse versiegen

Mit dem Kopf voller Gedanken mache ich mich auf den Weg in ein nahegelegenes Naturreservat, welches der stille Zeuge von Schwedens größter Naturkatastrophe ist – dem Döda Fallet. Ich folge dem hölzernen Brückenlabyrinth und stelle mir vor, wie dieser trockenliegende Wasserfall einst von brausenden Wassermassen umspült wurde. Sein Leben ist versiegt, weil der Mensch große und von Geld getriebene Pläne hatte.

Mit lebensbejahender Neugier entspringt ein kleiner Bach aus einer Bergquelle und sucht sich langsam fließend seinen Weg durch den Wald. Mit zunehmender Entfernung von seinem Ursprung wächst die Intensität. Voller Erwartungen und mit verspielt kindlichen Bewegungen schlängelt er sich auf die steiler werdenden Abhänge zu. Zuströme schließen sich dem Bachlauf an und vereinigen sich zu einer Wassermasse, die ruhiger und gleichzeitig tiefer wird. Zeitweise scheinen sie nahezu still und in perfekter Ausgeglichenheit zu fließen. Doch immer wieder wird diese Balance gestört. In besonders intensiven und energieraubenden Zeiten fordert die Umwelt jeden einzelnen Wassertropfen ein. Ein kleiner Rest mit großem Überlebenswille bleibt und kämpft sich zurück auf die Leinwand des Lebens, nur um sich in der nächsten Passage einer neuen Herausforderung zu stellen. Felsen liegen wie unüberwindbare Hindernisse im Fließweg und bringen das Gewässer zum Brodeln. Hier zeigt sich seine wahre Energie, denn auch wenn er sein Ziel nicht vor Augen hat, so kennt er seine Richtung ganz genau. Hat er all diese Phasen durchlaufen, ergießt er sich mit sämtlichen Erfahrungen in den stillen Ozean der Unendlichkeit.

Dieser wilde Fluss scheint das Abbild unseres Lebens zu sein. Es ist unberechenbar, schwierig und nicht voraussehbar. Würde sich der energetische Fluss in konstanter Intensität durch das Leben ziehen, stimmt wohl etwas nicht. Kein Lebensweg ist perfekt. Ein ideales Leben ohne Tiefschläge, Neuanfänge und Erfolge wäre wie ein begradigter Fluss, dessen wilder Charakter von Menschenhand gezähmt wurde. Unecht und mit einer tiefen Schwere, die sich früher oder später in einer fatalen Explosion äußert. So unüberlegt Flussbegradigungen sind, so dumm ist auch der Wille, das eigene Leben in ein nicht angepasstes Korsett zu pressen. Was bringt es einem, einen Lebensweg einzuschlagen, den andere für richtig erahnen? Jeder Mensch hat sein Leben selbst in der Hand und am Ende entscheidet nicht, woher er kommt, sondern was er daraus macht. Ein jeder entscheidet für sich selbst, worin er sein persönliches Glück findet.

So romantisch und verlockend mein Lebensweg der letzten Jahre auch klingen mag, muss ich mir dennoch eingestehen, das nicht jeder Tag glückserfüllt ist. Es gibt Phasen, in denen meine Gedanken schwer sind und meine kreative Energie versiegt. Zweifel über die Richtigkeit des gewählten Pfades versuchen mich aus der Bahn zu werfen. In solchen Momenten fühlt sich mein Kopf an wie dieser von Felsbrocken geprägte Wasserfall, im dem kein Wasser mehr fließt. Wohl jeder kennt diese Tage, an denen die Frage nach dem „Was wäre, wenn…“ am eigenen Selbstbewusstsein nagt und zu keiner Antwort führt. Was macht man in diesen Situationen, wenn es keinen Ausweg aus der negativen Gedankenwelt zu geben scheint? Meist ist es die Zeit, die dem Dilemma ein Ende bereitet und die Frage aus dem Sinn drängt. Doch viel wichtiger ist die bewusste Selbstreflexion über die eigenen Entscheidungen der Vergangenheit. Denn jede dieser eingeschlagenen Richtungen macht uns zu dem einzigartigen Menschen, der wir heute sind. Jede einzelne Gabelung ist eine Wahl, die wir bewusst oder aus einem Bauchgefühl heraus treffen. Ein Richtig oder Falsch gibt es genauso wenig wie eine Antwort auf die Optionsfrage.

Denke ich mit Blick auf meinen momentanen Stand über die letzten drei Jahre nach, so spüre ich tief in meinem Herzen eine wohlige Wärme. Auch wenn sie sich gerade nicht in vollem Ausmaß zeigen möchte, ist das Gefühl da und gibt mir eine innere Sicherheit. An keinem Ort auf dieser Welt habe ich eine solche Zufriedenheit gespürt wie in diesem roten Holzhäuschen. Meine frühere Rastlosigkeit ist verstummt und die verbliebenen Tröpfchen meiner erschöpften Energie bewegen sich ganz langsam durch die Schwerkraft aufeinander zu, um sich hoffentlich bald wieder zu einem geladenen Fluss zu vereinen.

In welcher Phase befindest du dich gerade?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

search previous next tag category expand menu location phone mail time cart zoom edit close